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Der Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis für Dramatik der Stadt Jena 2021 geht an Antje Schupp

Seit seiner Installation im Jahre 1997 wurde der Dramatikwettbewerb um den Jakob-Michael-Reinhold-Lenz-Preis der Stadt Jena quasi bei jeder neuen Auflage neu erfunden. Auf diese Weise konnte sich der Preis den jeweils aktuellen Erfordernissen der modernen, sich verändernden Theaterlandschaft anpassen. Dieser Weg hat sich als sehr produktiv erwiesen, hat sich der Preis doch in der Szene im Laufe der Zeit einen durchaus respektablen Ruf erarbeitet. Ihn dabei und parallel mit einer noch stärkeren Ausstrahlung in die Stadtgesellschaft hinein auszustatten, ist mit der letzten Ausgabe 2017 mustergültig gelungen. Der Preisträger Boris Nikitin wurde von der Jury erstmalig direkt benannt und erhielt mit der Verleihung des Preises die Aufgabe, ein künstlerisches Symposium zu kuratieren, das Martin-Luther-Propaganda-Symposium.

Insofern war auch der Erwartungshorizont für den bevorstehenden Wettbewerb hoch. Die Initiatoren von Theaterhaus Jena und JenaKultur haben sich deshalb entschieden, ihn abermals sehr politisch zu denken. 2021 jährt sich zum 10. Mal die Offenlegung des sogenannten NSU, dessen Wurzeln leider in Jena zu suchen sind.

In einem beschränkten und zweistufigen Wettbewerb – inspiriert von künstlerischen Wettbewerben in Bildender Kunst und Architektur – waren zunächst die von einer dreiköpfigen Vorschlagsjury aufgeforderten Bewerber:innen – Kollektiv Das Peng!, Dean Hutton und Antje Schupp – gehalten, eine ortsspezifische (site specific) Arbeit im Jenaer Stadtraum zu konzipieren, die theatral und/oder intermedial geartet sein sollte, vorzugsweise in den Stadtvierteln Jena-Winzerla und/oder Jena-Lobeda, aus denen die verurteilten Täter:innen des sog. NSU stammen bzw. mit Bezug darauf.

Die ebenfalls dreiköpfige Entscheidungsjury wählte die in Basel lebende Regisseurin, Autorin und Performerin Antje Schupp (Jg. 1983) und ihre mit dem Arbeitstitel "Die mutige Mehrheit" überschriebene mehrteilige Konzeptidee für den Preis aus.

Die Regisseurin, Autorin und Performerin Antje Schupp im Profil ©Katharina Seibt

Antje Schupp studierte Regie für Theater und Oper an der Bayrischen Theaterakademie August Everding sowie Theater-, Film- und Medienwissenschaft und Cultural Studies an der Universität Wien. Sie inszeniert Sprech- und Musiktheater, entwickelt eigene Produktionen in der Freien Szene, und arbeitet häufig in ko-kreativen Arbeitsprozessen sowie mit nicht-professionellen Darsteller:innen, wie z. Zt. bei dem Vermittlungsprojekt Music was my first love. Antje Schupp interessiert sich für zeitpolitische, ökologische und soziale Themen und verbindet in ihren Arbeiten unterschiedliche stilistische Elemente zu semi-dokumentarischen und semi-fiktiven Erzählungen. Verschiedene site specific Arbeiten, die zwischen Installation und Performance angesiedelt sind, sowie zwei Soloperformances. Seit vielen Jahren produziert und schreibt sie eigene Stückentwicklungen. 2017 entstand ihr erstes Stück Ein Stück Geschichte, derzeit schreibt sie an ihrem neuen Stück. Sie inszenierte u. a. am Theater Basel, Schauspielhaus Zürich, Theater am Neumarkt, Kaserne Basel oder Staatstheater Augsburg und wurde zu Festivals wie Theaterspektakel Zürich, Politik im Freien Theater, Berliner Theatertreffen Shifting Perspectives, Antigel Genf oder Heidelberger Stückemarkt eingeladen. Antje Schupp arbeitet regelmässig in internationalen Kollaborationen, z. B. in Südafrika für PINK MON€Y, zuletzt für Nouvelle Nahda (Theater am Neumarkt / Station Beirut, demnächst mit Künstler:innen in Teresina (BRA). Musiktheaterinszenierungen von Mozart, Massenet, Vivaldi und Menotti sowie verschiedene Uraufführungen. Antje Schupp ist Trägerin des Festspielpreises der Festspiele Zürich 2020 – damit verbunden die spartenübergreifende Uraufführung von REVUE 2020 in Koproduktion mit dem Opernhaus Zürich und Schauspielhaus Zürich – und ist Teil der Swiss Performing Arts Selection der Schweizer Kulturstiftung Pro Helvetia.

Die Arbeit "Die mutige Mehrheit", die bis zum Herbst in Jena realisiert werden wird, besteht aus drei Teilen:

  1. Dem Audiowalk "(Un)Sichtbare Spuren"
  2. "Deutschkunde 2021", eine Mischung aus Workshops, Lectures und Performance zur Lage der Nation, und
  3. Einer bundesweiten Aktion "Die mutige Mehrheit"

Ziel ist es, den eigenen Nachholbedarf in der Auseinandersetzung mit der jüngeren Geschichte und Gegenwart in Deutschland ausfindig machen zu können und die "schweigende Mehrheit" in eine mutige zu verwandeln, die bei Ausgrenzung und Rassismus den Mund aufmacht und Zivilcourage an den Tag legt. Diese Transformation wird künstlerisch in drei Schritten vollzogen: 1) als Individuum 2) als Gruppe 3) als Gesellschaft. Die Teile funktionieren unabhängig voneinander, wünschenswert ist natürlich ein Besuch bei allen drei.

Antje Schupp fühlt sich geehrt durch die Auszeichnung und hofft, dass die Idee einer "mutigen Mehrheit" keine Utopie, sondern vielerorts bereits gelebte Wirklichkeit ist und zunehmend sein wird. Sie ist eine Haltung, die ebenso notwendig gepflegt werden muss wie die Erinnerung an die Opfer rechter Gewalt.

Jonas Zipf, Werkleiter von JenaKultur und Initiator des bundesweiten Theaterprojekts "Kein Schlussstrich!", betont, dass er die künstlerische Beschäftigung mit den Themen deshalb so wichtig findet, weil hier mit ästhetischen Mitteln versucht wird, den Blick zu weiten, klar zu machen, dass rechte Gewalt, Rassismus und Diskriminierung längst strukturellen Niederschlag in unserer Gesellschaft gefunden haben und unsere Demokratie gefährden.

Die Jury – so Tunçay Kulaoğlu – überzeugte die Vielfältigkeit des Projekts, die Annäherungen aus ganz unterschiedlichen Perspektiven ermöglicht, die auf diese Weise im Bestehenden über das Bestehende neu nachzudenken einfordert. Die recherche-basierte Arbeitsweise von Antje Schupp sei dabei eine typische Arbeitsstrategie der Freien Szene, freut sich Maik Pevestorff. Das knüpfe letztlich direkt bei Boris Nikitin an, ergänzt Thorben Meißner vom Theaterhaus Jena.

Und Jenas Oberbürgermeister findet es wichtig, dass der Preis mit dem Namen Jakob Michael Reinhold Lenz sich einerseits bewusst in eine Tradition stellt, und andererseits gerade eben mit Traditionen bricht und den postmodernen, suchenden, nicht-allwissenden Autor in Dialog mit der Gesellschaft bringt.

Der Vorschlagsjury gehörten an:

  • Sabine Westermaier, Dramaturgin und Mitbegründerin des Theaterverlags "rua"
  • Simone Dede Ayivi, Kulturwissenschaftlerin, Dramaturgin und Künstlerin
  • Boris Nikitin, Dramatiker und letztmaliger Lenz-Preis-Träger 

Die Entscheidungsjury bestand aus:

  • Maik Pevestorff, Künstlerisch-pädagogische Leitung an der Freien Bühne Jena
  • Tunçay Kulaoğlu, Filmemacher, Dramaturg, Kurator und Autor. Derzeit kuratiert er die Ausstellung "Global Art Festival" im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg und betreut als Co-Autor Miraz Bezars Spielfilmprojekt "Frida".
  • Thorben Meißner, Dramaturg am Theaterhaus Jena

    Einsendungen:

    • Dean Huttun, Südafrika
    • Kollektiv Das Peng!, Berlin
    • Antje Schupp, Basel

    Der Preis ist mit 10.000 Euro dotiert.
    Die Preisverleihung findet am 17. Juni 2021, 18 Uhr im Theaterhaus Jena statt.

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